Am nächsten Tag war Sonntag, und zu spät ist uns eingefallen, dass wir da ja garnicht bei den Waletouren anrufen konnten, und das vielleicht noch am Tag zuvor hätten erledigen sollen. Wir haben es zwar probiert, aber entweder die Nummern waren falsch, oder es ging keiner ran. Also sind wir erstmal an den Nationalpark gefahren, der am anderen Ende der Insel, bei Cucao lag. Es war aber die Schmalseite der Insel und so hat die Fahrt nur etwa eine, anderthalb Stunden gedauert. Wir wurden direkt vor dem Park abgesetzt und wären fast umsonst reinmarschiert, weil der Parkwächter nicht an seinem Platz saß, aber dann kam er doch noch an. Es hat aber auch so nur ca. 1000 Pesos gekostet. Wir sind gleich zum Informationshäuschen etwas innerhalb gelaufen, aber auch dort war der Wächter nicht da. Wir haben ihn schließlich auf der Rückseite gefunden, und er hat uns jeweils nur kurze Wege empfehlen können (wir hatten Rückfahrkarten für den Bus um sechs). Wir sind also erstmal losmarschiert, zunächst noch auf recht breiten Wanderwegen. Irgendwann kamen wir auf einen Mirador, d.h. einen Aussichtspunkt, und sind hochgestiegen, um die Aussicht zu bewundern. Was wir aber stattdessen vorgefunden haben, waren wildgewordene Insekten: eklige Bremsen auch noch, die speziell auf Lena und mich geflogen sind und sich einfach nicht verjagen lassen wollten! Wir haben ziemlich gekreischt und sind umhergehüpft, und ein paar vorbeiziehende Engländer meinten milde, die würden uns doch nichts tun. Hatten die eine Ahnung!
Es ging weiter durch die Natur, immer noch recht breite Wanderwege, bis wir an einen kleinen Lehrpfad kamen. Das war dann sehr schön und dschungelartig, es ging auf Holzbrücken/-stegen durch feuchten Regendwald, ganz mosig überall und mit vielen glitzernden Spinnennetzen. Irgendwann sind wir auf ein Café mitten im Nationalpark gestoßen, wo man richtigen Kaffee mit Milch und Kuchen bekommen hat. Leider haben sich dort weitere Bremsen auf uns gestürzt und uns so zugesetzt, dass wir einen hysterischen Anfall nach dem anderen bekommen haben. Robin war ziemlich genervt. Die anderen Gäste haben ungerührt ihr Bier getrunken und den Apfelkuchen gegessen und sich nicht um unsere Hysterie-/Lachtränen gekümmert.
Danach sind wir erstmal aus dem Dorf raus und haben in einem Garten neben der Straße Curanto gegessen, den berühmten chilenischen Muschel-Fleischeintopf. Es war sehr ursprünglich dort, und eine Gruppe Chilenen saß bereits an einem Holztisch und hat das Gleiche gegessen. Ein Chilote hat in einem riesigen Kessel gerührt, der da mitten im Garten kochte, und hat uns dann jeweils eine Portion vorgesetzt: ein Teller mit einem großen gelben Netz. Wo sonst aber Orangen oder Zitronen lagen, war das Curanto: viele viele Miesmuscheln, ein paar andere Muscheln, ein Stück Speck, ein Hühnerflügel, eine würzige Wurst und zwei Kartoffelhälften. Das Ganze war sehr würzig und wurde mit einer Tasse Brühe serviert, den ich zunächst für normalen "jugo" hielt und fast getrunken hatte. Zum Glück hab ich noch rechtzeitig die Hitze bemerkt, und die Fettflecken, die drauf schwammen. Es war echt ganz lecker, aber sehr viel Muschel (wenn auch gute, frische, weiche), und hinterher war irgendwie mein Zahnfleisch geschwollen. Ich weiß nicht, ob ich jetzt auch gegen Muschel allergisch bin, oder ob sich nur ein Stück Muschelschale irgendwo eingeklemmt hatte, aber auf jeden Fall hatte ich da zum ersten Mal genug von Meeresfrüchten.
Eigentlich wollten wir dann noch ein Boot ausleihen und etwas auf dem See rumpaddeln, was man genau gegenüber konnte, aber das Boot war ausgeliehen, also sind wir zurück zum Nationalpark, um an den Strand zu laufen. Das war etwa eine halbe Stunde Wanderung durch ein sandartiges Gebiet, das irgendwie an die Camargue erinnert hat. Das letzte Stück hat durch eine riesige Kuhweide geführt. In den Dünen angekommen, haben wir das Meer vor uns gesehen - und weitere Kühe, die dort umhergestakst sind und Dünengras gefressen haben. Wir selber haben uns auch in eine Düne gelegt, mit Jacken gegen den Wind gepolstert, und gelesen bzw. das Gesicht in die Sonne gelegt. Das war sehr angenehm, die Sonne hat warm gebrannt, und wie eine Sonnenblume bin ich der Sonne gefolgt. Erst später hat das Gesicht angefangen, zu brennen und zu spannen. Oh oh. Gegen fünf sind wir wieder zurück, auf die Straße, wo wir halbherzig überlegt haben, eine Telefonzelle zu finden und es nochmal bei den Walleuten zu probieren. Da hat ein Bus neben uns gehalten, der selbe, mit dem wir morgens gekommen waren, und der Junge, der schon morgens als Türsteher gearbeitet hatte, ist rausgesprungen und hat uns eingeladen, doch jetzt schon einzusteigen, da sie schon vorher loswollten, da es wohl sehr voll werden würde, oder so. Und auf diese Weise würden wir auch nochmal "aprovechar" und das Meer sehen. Wir sind also eingestiegen und eine Station weitergefahren, bis zu einer großen Brücke, der Endstation. Dort war ein Fluss, der ins Meer gemündet ist, und direkt neben der Straße war gerade eine Veranstaltung im Gange. Eine Menge Chiloten standen im Kreis rum, und in der Mitte war einer, der ins Mikrofon gerufen hat. Dann wurde gesungen und alle haben im Rhythmus geklatscht; sogar aus den Autos, die dort abgestellt waren, haben sich auf einmal Händepaare rausgeschoben und mitgeklatscht. Erst als ganz oft von Jesus gesungen wurde, haben wir gemerkt, dass das ein Gottesdienst unter freiem Himmel war. Es war auf jeden Fall ein sehr eingängiges Lied, das wir noch eine Weile weitergesummt haben. Wir sind ein bißchen rumspaziert und auf den grünen Hügel hinter dem Gottesdienst geklettert. Im Fluß haben ein paar Mädchen gebadet. Es war alles ziemlich friedlich, bis wir über den Parkplatz wieder nach vorne geschlendert sind. Da kam uns ein Bus entgegen, und wir sind nur sehr langsam ausgewichen, so dass auch der Bus einen Schlenker gemacht hat. Und plötzlich festsaß. Das Hinterteil steckte einfach so auf einer Erhebung in dem sandigen Boden. Es sah garnicht schlimm aus, und auch nicht so, als sei das sehr fest, aber der steckte wirklich ganz schön fest. Wir hatten ein bißchen ein schlechtes Gewissen - hätten wohl ein bißchen schneller ausweichen sollen! Aber andererseits muss der Fahrer ja selbst wissen, ob er da so weit nach rechts fährt oder nicht. Jedenfalls war das dann eine ganz schöne Aktion. Es kamen eine ganze Menge Chiloten an und haben begutachtet, sind um den Bus herumgelaufen, haben ein bißchen bei den Rädern gebuddelt (wodurch er noch tiefer sank). Schließlich kam ein zweiter, größerer Bus, und die haben versucht, mit einem Strick den anderen Bus abzuschleppen. Es ging garnicht; der größere Bus hat geschwankt und ist fast umgefallen, und hat außerdem tiefe Löcher in den sandigen Boden gerissen. Auch ein Landrover hat es probiert, aber nichts ausrichten können.
Und in diesem spannenden Moment kam unser Bus und wir mußten einsteigen. Ich hoffe, die konnten den noch befreien! In einem unbeobachteten Moment hab ich noch schnell ein Foto von dem gestrandeten Bus machen.
Wieder in Castro angekommen, hatten wir einen riesigen Hunger, und zwar auf Pasta. Tjaaa ... überall wurde frischer Fisch angeboten, und Meeresfrüchte, oder Fleisch. Schließlich sind wir zu dem italienischen Restaurant mit der schlechten Pizza gegangen, in der Hoffnung, dass die Pasta dort besser wäre. Nun ja! Es gab nur selbstgemachte Pasta, was ja an sich mal nicht schlecht ist. Wir haben also bestellt und gewartet und gewartet. Und gewartet. Das Pärchen neben uns, die schon da waren, als wir kamen, hat auch gewartet. Und sah sehr hungrig und unglücklich aus. Als sie nachgefragt haben, hat der Kellner gemeint, achja, aus Versehen sei ihre Pizza an einen anderen Tisch geliefert worden. Aber es gäbe dann wohl einen descuento. Sie wirkten so, als hätten sie lieber die Pizza statt dem descuento, haben aber nochmal Getränke nachbestellt. Als die auch nicht kamen, sind sie irgendwann gegangen. Die Armen! Wir hätten auch gehen sollen, die Pasta war nämlich echt nur so lala. Meine amatriciana (die der Kellner zur spanischen Aussprache verbessert hat!) haben geschmeckt, als sei das rotes Wasser, und das, obwohl ich ganz viel Salz und scharfes Zeug nachgeschüttet hab!
Achja, einen Versuch, bei den Walanbietern anzurufen, haben wir auch noch gemacht. Irgendwann hab ich schließlich jemanden erreicht, aber der hat mich nicht verstanden, weil um mich rum so viel Straßenlärm war, und wir haben kein Drinnen-Telefon gefunden. Schließlich haben wir beschlossen, es zu lassen, und am nächsten Tag nach Ancud weiterzufahren, wo man Pinguine beobachten kann.
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